Lachmanns Einfälle: Mindesthaltbarkeit

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Ich bin keine Heldin der Sparsamkeit. Ich lasse mich zu Spontankäufen hinreißen von Dingen, die die Welt nicht braucht, achte im Supermarkt nicht unbedingt auf Angebote und greife flugs zum teuren Joghurt, weil die Verpackung Gesundheit suggeriert. Und entdecke ich einen grauen Schal in einer Auslage, muss ich ihn haben und lege ihn zu den anderen acht grauen Schals – ich liebe Grau. Nur beim Wegwerfen von Lebensmitteln werde ich „penschieterig“ – nicht unbedingt wegen der angefallenen Kosten, eher weil ich es für ungehörig halte Nahrungsmittel zu entsorgen. „Mama, den esse ich nicht, der Mozzarella ist am 15. August 2015 abgelaufen“, empört sich die 20-jährige Tochter und hält den Mozzarella – verschweißt in buntem Plastik – mit spitzen Fingern über die Mülltonne. „Unterstehe dich, der Mozzarella ist noch gut“, bremse ich sie, denn die Tüte hat sich nicht aufgeplus-tert, was für mich bedeutet: Kein unschöner Gärungsprozess hat das 55-Cent-Kuhmilchprodukt um die Ecke gebracht. „Ja, wenn du ihn essen willst… Ich bin raus!“, grinst die freche Göre, der ich seit Jahren predige, dass das Mindesthaltbarkeitsdatum nur eine Richtlinie ist, aber kein Wegwerfdatum. Ich nehme den Mozzarella aus der milchigen Brühe und erschnüffel unbeabsichtigt eine leicht säuerliche Grundnote. Auch die Haptik des Mozzarella entspricht weder meinen Wünschen noch meiner Erfahrung. Das Kind wirft mir einen Blick über die Schulter. Starrt auf den Mozzarella. Heftet ihren Blick auf das Schneidbrett. „Lebt der schon?“ Ich schweige und lasse die gezielte Provokation abprallen. „Der Mozzarella ist fluffig“, entgegne ich trotzig, um den Zersetzungsprozess in einem positiven Licht erscheinen zu lassen. „Aha, fluffig!“ Ich weiß nicht, woher die Göre diese süffisante Art hat… Die säuerliche Note raubt mir den Atem und mein Magen beginnt vorsorglich leise zu rebellieren. „Nun, schmeiß das Ding doch weg, Mama. Der ist durch.“ Ich säbel den Klumpen – ganz offensichtlich im Verwesen begriffen – in appetitliche Häppchen, greife nach drei sonnengereiften Tomaten, vermische alles mit Pesto und Öl. „Im Gegensatz zu dir habe ich heute in der Mittagspause etwas Schönes zum Essen“, triumphiere ich und stopfe die hermetisch abgeriegelte Tupperdose in die Tasche. Ich gebe zu, es war maßlos dusselig, dem sauren Milchprodukt noch schmackige, schnittfeste Tomaten, feines griechisches Olivenöl und gartenfrisches Basilikum hinterherzuwerfen, aber ich musste den Schein wahren, um mich gut zu fühlen… Die Entsorgung über die Firmenmülltonne hat auch gar nicht weh getan. „Und Mama, wie war dein Mittagessen? Sag’ die Wahrheit!“, empfängt mich die Göre am Abend. Ich sehe ihren lauernden Blick. „Total lecker!“, lüge ich, dass sich die Balken biegen. Zwar predige ich ihr von Kindesbeinen an, dass man die Wahrheit sagen muss, aber in diesem Falle lege ich meine geringfügig unwahre Äußerung als eine Erziehungsmaßnahme aus…

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